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Keine Hilfe für Iraks Christen
               aus: http://www.die-tagespost.de/Archiv/titel_anzeige.asp?ID=39805    Katholische Zeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur

Mit fadenscheinigen Argumenten: Europa will keine Flüchtlinge aus der Region aufnehmen
DT vom 24.04.2008

Von Rüdiger Drews
 

Die Nachricht ist es wert, ihr etwas hinterherzudenken: Der Bundesinnenminister sei mit seinem Vorstoß, die aus dem Irak vertriebenen Christen in Europa aufzunehmen, in der Europäischen Union auf Skepsis gestoßen. Beim Treffen der Innenminister Ende letzter Woche erklärte der slowenische Ratspräsident und Innenminister Dragutin Mate, es dürfe für christliche Iraker keine Sonderbehandlung geben. Somit kommt es vorerst nicht zu einem gemeinsamen europäischen Vorgehen. Wolfgang Schäuble muss einen anderen Weg finden, den Christen unter den irakischen Flüchtlingen in Syrien und Jordanien so lange zu einem Aufenthalt in Europa zu verhelfen, bis sie in den Irak zurückkehren können.

Die Beweggründe sind vor allem eines: politisch korrekt

Vordergründig klingt Mates Argument, Flüchtlinge müssten ohne Ansehen von Religion und Rasse aufgenommen werden, einleuchtend und ehrenwert. So sehen das wohl auch die meisten seiner Kollegen der anderen europäischen Länder christlicher Tradition. Zu einer besonderen Verantwortung für die um Existenz und Zukunft kämpfenden Glaubensbrüder mochte sich in diesen Tagen niemand bekennen. Weder Irene Khan, Generalsekretärin von Amnesty International, noch Klaus-Dieter Kottnik, Präsident des Diakonischen Werks der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) taten das. Deutschland dürfe sein Hilfsangebot nicht nur auf irakische Christen beschränken, meinten beide politisch korrekt.

Ist das die Logik der Angst, die Selbstaufgabe einer kraftlos gewordenen Kultur? Oder liegt tatsächlich ein Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz vor, eine Verletzung der Rechte und Gefühle Andersgläubiger, wenn ein westlich-christliches Land sich der Menschen gleichen Glaubens in Not besonders annehmen will – so wie das Staaten mit ihren Staatsbürgern tun? Schäubles Vorschlag sei zu „selektiv“, meinte der für Einwanderungsfragen zuständige luxemburgische Beigeordnete Außenminister Nicolas Schmit, „auch andere Minderheiten im Irak“ seien gefährdet. Doch „selektiv“ scheinen eher seine Problemwahrnehmung sowie seine Beurteilungskriterien zu sein.

Erstens, zum Problem: Es handelt sich eben nicht nur um eine humanitäre Frage, wie es viele Stellungnahmen unterstellen. In weiten Teilen der muslimisch beherrschten Welt werden Christen seit langem benachteiligt, unterdrückt und verfolgt. Das Christentum werde einfach ausgerottet, wie Volker Zastrow in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ schreibt; Christen gelten als „Spione des Westens“ und werden so behandelt. In der Tat, viele bestätigen diese Betrachtung, zum Beispiel Klaus Barwig von der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Berater der Migrationskommission der deutschen Bischofskonferenz, der sich ausführlich mit den Gründen und den Methoden der Vertreibung auseinandersetzt.

Christen, so meint er, gehörten im Irak wegen ihres höheren Bildungsstandes zur bessergestellten, wohlhabenden Minderheit. Sie galten als staatsnah und westlich orientiert. Deswegen waren sie schlecht in die muslimische Mehrheitsgesellschaft integriert. Die Duldung durch die sozialistisch-arabische Baath-Partei und Saddam Husseins Regime hat sie den strenggläubigen Muslimen noch weiter entfremdet. Als sich dann die Amerikaner nach 2003 sehr stark auf die sehr gut ausgebildeten Christen abstützten, wurden diese in den Augen der sich immer religiöser werdenden Muslime zu Kollaborateuren. In der sich aufheizenden religiösen Stimmung kam es zu immer planmäßigeren Übergriffen. Selbsternannte islamische „Volksrichter“ verlangten ultimativ von den Christen, innerhalb von 48 Stunden das Land zu verlassen oder zum Islam überzutreten. Mit Vorwürfen der Blasphemie und des Verrats wurde der Druck erhöht, Drohungen, Anschläge, Morde und Gewalt verliehen den Vertreibungsaktionen Nachdruck.

Zweitens, zur Beurteilung: Gewiss, die Zahl von 4,5 Millionen Flüchtlingen innerhalb und außerhalb des Iraks überlagert die spezifische Dramatik der „nur“ 600 000 christlichen Flüchtlinge. Doch die sind nicht nur Opfer gezielter Vertreibung. In den islamischen Aufnahmeländern haben sie kaum Möglichkeiten für den Aufbau einer neuen gesicherten Existenz. Zudem haben sie keine realistische Chance zur Rückkehr. Somit sind sie Flüchtlinge einer anderen Qualität, Opfer einer ethnischen Säuberung, wie sie es selbst empfinden. UNHCR, das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, hat sie aus diesem Grunde als „most vulnerable persons“ eingestuft.

Zur aussagekräftigen Lageeinschätzung müssen die Vorgänge in den historischen Zusammenhang eingeordnet werden. Seit dem 19. Jahrhundert leben die Christen des Zweistromlandes, Nachfolger der Urgemeinden, als gedemütigte und unterdrückte Minderheit. Der Völkermord an den christlichen Armeniern – bis heute durch die türkischen Nachfolger des Osmanischen Reiches tabuisiert – war nur ein spektakulärer Höhepunkt verbreiteter Pogrome. Nach und nach wurden Christen in der Region verdrängt, marginalisiert, entrechtlicht – bis heute: Vor hundert Jahren betrug ihr Anteil an der syrischen Bevölkerung noch 20, Mitte der Achtziger zwölf, zurzeit sind es noch vier Prozent; im Irak, wo sich ihre Zahl in den vergangenen Jahren unter den Bedingungen des Kampfes der Kulturen halbiert hat, halten noch 600 000 Christen aus, in der Türkei schätzt man sie auf 100 000, das sind 0,15 Prozent der Bevölkerung.

Brutalste Gewalt auch gegen Frauen und Kinder

Das Drangsalieren geht weiter. Wir lesen über Mordanschläge in der Türkei, im Irak. Der Erzbischof von Mossul, Paulos Faraj Rahho, starb vor fünf Wochen bei seiner Entführung, kein Einzelfall. Immer wieder werden Priester getötet, um die Gläubigen einzuschüchtern. Christen werden entführt, gefoltert, verstümmelt, enthauptet, sogar gekreuzigt, Kinder nicht verschont, Frauen entführt und vergewaltigt. Kirchen werden genauso zerstört wie die wirtschaftliche Lebensgrundlage der Christen; 2005 brannten 500 Geschäfte assyrischer Christen – und so wurde ein ganzer Stadtteil in Bagdad „christenrein“ gemacht, wie ein Mitarbeiter der OECD berichtet.

Warum gibt es keine Empörung? Sind das nur Wahrnehmungsstörungen oder ist es eine Deformation der moralischen Standfestigkeit, Doppelmoral, Meinungsopportunismus? Wolfgang Schäuble hat in dieser Frage Flagge gezeigt und einige Unterstützung durch die Kirchen und Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen erfahren – nicht ohne den relativierenden Hinweis, dass ja auch andere religiöse Minderheiten betroffen seien. In Bonn wird gerade ein Platz für die zehnte Moschee gesucht; vielleicht fällt dabei auch eine Bleibe für einige Opfer der islamischen Christenverfolgung mit ab.

 

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