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Christen in Iran
aus: Frankfurter Allgemeine: dort finden Sie den gesamten Artikel mit Fotos

Die Glaubensdiebe

Viele Iraner fühlen sich zum Christentum hingezogen. Doch für die Herrscher in Iran ist die Apostasie, der Abfall vom Islam, ein schweres Vergehen. So entwickelt sich eine Untergrundreligion für Iraner, die konvertieren wollen.

Von Amir Hassan Cheheltan

Bild: (s. Link oben) Weihnachtsgebet in der Teheraner Kirche St. Grigor

20. Januar 2011 

In der politischen Sphäre Irans herrscht nach wie vor die Gewalt. Für manche derjenigen, die um ihres Seelenfriedens willen moralischer Grundsätze bedürfen, sind christliche Lehren, die Selbstbeherrschung, Toleranz und Friedfertigkeit bekräftigen, außerordentlich ansprechend. Im islamischen Strafrecht steht auf Apostasie, das heißt Abfall vom Islam, die Todesstrafe. Insofern ist das Christentum für Muslime ein verbotenes Thema.

Allerdings gibt es in Iran für jede verbotene Angelegenheit geheime Orte. Verbotene Bücher findet man in den Hinterzimmern der Buchhandlungen, und Satellitenschüsseln werden in abgelegenen Abstellräumen außerhalb der Stadt gelagert. Für Alkoholika kann jeder abgedeckte Bereich als Versteck dienen, seien es die Kofferräume der Autos oder die großen Kühlschränke der Restaurants. Allerdings gibt es auch hier eine Ausnahme: Prostituierte kann man tatsächlich an jeder Straßenecke finden. Nur enthüllen sie ihre wahre Identität einzig ihren Kunden. Im Zuge dieser Entwicklung haben wir mittlerweile Untergrund-Diskos, Untergrund-Musik und sogar Untergrund-Kirchen in Iran!

Christenverfolgung

Bild: (s. Link oben) Heiligabend 2008 in St.-Grigor-Kirche in Teheran

Tatsächlich haben iranische Regimeangehörige in den vergangenen Monaten von einem Netzwerk von Untergrundkirchen berichtet. In Iran entgeht nichts dem wachsamen Auge der Obrigkeit, jede unabhängige Aktivität ist verdächtig, sogar die Anbetung Gottes.

Seit Weihnachten hat es in der Islamischen Republik eine Welle der Verhaftungen von Christen gegeben. Berichten zufolge sind das Hauptziel dieser Verhaftungen evangelikale Christen, die nach Angaben der Behörden ihre Aktivitäten neuerdings verstärkt haben. Die Verantwortlichen haben betont, dass die Umtriebe dieser Evangelikalen auch in anderen Ländern des Nahen Ostens Probleme heraufbeschworen haben. In amtlichen Verlautbarungen bezeichnen sie diese als „zionistische Christen“ und als korrupte Bewegung, die von den Vereinigten Staaten und Großbritannien unterstützt werde, weswegen sie als leuchtendes Beispiel für die „kulturelle Invasion des Feindes“ gilt. Die Festgenommenen sind meist konvertierte Muslime oder Christen, die versucht haben, Muslime zur Konversion zu ermutigen.

Keine Bibel

Ein iranischer Pastor, der außerhalb Irans lebt, reagierte auf diese Festnahmen folgendermaßen: „Die Menschen suchen uns auf und erklären, dass sie an kirchlichen Zeremonien teilnehmen oder sich sogar taufen lassen wollen, um zum Christentum überzutreten.“ Ein anderer Pfarrer sagte: „Es ist unsere Pflicht, die Heilige Schrift allen zu verkünden.“

Um die Menschenrechtsorganisationen zu entwaffnen, die berichten, in Iran gebe es keine Gesinnungsfreiheit, haben die staatlichen Propagandaorgane jene, die in der Stadt Hamadan im Westen Irans verhaftet wurden, als „Glaubensdiebe“ verleumdet. Iranische Christen berichten, sie hätten kein Recht auf Besitz und Mitnahme der Bibel - ein Buch, das es nirgendwo im Land zu kaufen gibt. Einige von ihnen haben nach der Freilassung ausgesagt, dass sie während ihrer Inhaftierung versprechen mussten, an keiner kirchlichen Zeremonie mehr teilzunehmen. Außerdem mussten sich manche Kirchenvorsteher verpflichten, Muslimen den Zutritt zur Kirche zu verweigern.

Ermordete Pastoren

Schon vor zwei Jahren hatte eine Verhaftungswelle in Schiras die Christen in Iran verängstigt. Man hatte zwei von ihnen in einem Park festgenommen und sie nach Abschluss des Verhörs wegen Apostasie angeklagt; wenige Wochen später waren zehn weitere christliche Konvertiten in derselben Stadt unter einem vergleichbaren Vorwand verhaftet worden. Das Bemerkenswerte daran ist, dass der Vorwurf der Apostasie stets von anderen Anschuldigungen wie Propaganda gegen das Regime und Verunglimpfung der Obrigkeiten begleitet wird. Im selben Jahr war ein weiterer Christ in Maschhad inhaftiert worden, dessen Vater man zwanzig Jahre zuvor aufgrund eines vergleichbaren Vergehens in derselben Stadt hingerichtet hatte, obwohl gegen ihn nie förmlich Anklage erhoben worden war.

Bild: (s. Link oben) Frauen beten in der Neujahrsmesse 2008 in der Vank-Kirche in Isfahan

Es mag den Anschein haben, als seien nach den Bahai und Derwischen in den vergangenen Jahren nunmehr die Christen an der Reihe, derlei Vorfälle haben jedoch eine längere Geschichte: Anfang 1994 wurde ein Pastor, der im Rat der protestantischen Kirchen tätig war, nach Erduldung einer neunjährigen Haftstrafe und genau zu dem Zeitpunkt, als man ihn wegen Apostasie zum Tode verurteilt hatte, aufgrund internationalen Drucks und ohne Angabe von Gründen plötzlich aus der Haft entlassen. Ungefähr zur selben Zeit verschwand der Leiter der Gotteskirchen (Dschama'at Rabbani) Irans, der die internationalen Proteste organisiert hatte. Nur wenige Tage später fand man seinen Leichnam; er war erstochen worden. Wenige Monate später wurde außerdem ein anderer Pastor, der Leiter des protestantischen Pastorenrats Irans war, im Haus eines Unbekannten erschossen. Bei der Durchsuchung der Wohnung entdeckten die Beamten in der Tiefkühltruhe die Leiche des ersten Pastors, jenes Mannes, der neun Jahre seines Lebens im Gefängnis verbracht hatte.

Keine Religionsfreiheit

Der vom Fernsehen ausgestrahlte Prozess gegen drei junge Frauen, die man dieser Morde beschuldigte, überzeugte die iranischen Christen nicht, obwohl man alle drei zum Tode verurteilte. Im Verlauf späterer Enthüllungen zu mehreren Morden, die im Herbst 1998 an Intellektuellen und Andersdenkenden verübt worden waren, kamen Beobachter zu dem Ergebnis, dass die eigentlichen Mörder der Pastoren andere Personen waren, die dieselben Geheimdienstagenten damit beauftragt hatten.

Fromme Muslime sind überzeugt, wenn die Botschaft ihres Glaubens nach Überwindung der Hindernisse, die die Feinde Gottes errichten, an die Ohren der nach Wahrheit dürstenden Menschen gelangt, so würden diese in Scharen ihre eigene Religion aufgeben und sich dem Islam zuwenden. Tatsächlich gibt es für die islamische Obrigkeit Irans keine größere Niederlage als jene, dass die Bevölkerung sich in ihrem unumschränkten Herrschaftsgebiet einer anderen Religion zuwendet.

„Ich werde für Iran beten“

In Iran haben Hauskirchen Konjunktur. Diese Entwicklung resultiert aus der Verwirrung der Jugendlichen, die die Wahrheit des Islams mit der Wahrheit der Herrschenden gleichsetzen und sich deshalb entschließen, anderen Glaubensrichtungen beizutreten. Liberale Muslime, die sich nach reformierten Prinzipien definieren, beschuldigen die herrschenden Dogmatiker, dass ihre Vorgehensweise zur massenhaften Abwendung der Bevölkerung, insbesondere der Jugend,von der Religion geführt hat.

Der koreanische Pastor Lee, der neunzehn Jahre für die koreanische Kirche in der Islamischen Republik tätig war und fließend Persisch spricht, hat kürzlich erklärt: „Ich werde für Iran beten.“

Amir Hassan Cheheltan wurde 1956 in Teheran geboren. Sein neuer Roman erscheint im August im C.H. Beck Verlag in deutscher Übersetzung.

Aus dem Persischen von Susanne Baghestani.
 

 
 
 

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